Ernährungsberaterin Natalie Kohlhaas legte die Süßigkeiten-Regelung für ihren Sohn schon während der Schwangerschaft fest

„Süßigkeiten zu verbieten ist keine Option!“

Autorin

Anna Butterbrod

Süßigkeiten sorgen in Familien immer wieder für Ärger und Frust. Aber warum ist das überhaupt so und lässt sich das vermeiden? Darüber haben wir mit Ernährungsberaterin Natalie Kohlhaas gesprochen, die mit ihrem vierjährigen Sohn täglich eine Pause extra zum Naschen einlegt.

Melden sich bei dir oft Familien, die ein Süßigkeiten-Problem haben?

Absolut. Es ist wird aber vor allem dann zum Problem, wenn man sich zu spät Gedanken darüber macht – oder generell zu wenig.

Wann ist denn der ideale Zeitpunkt?

Mein Mann und ich haben schon während der Schwangerschaft besprochen, wie wir das Thema Süßigkeiten handhaben wollen, wenn unser Kind auf der Welt ist. Für uns war klar, dass unser Sohn im ersten Lebensjahr gar keine Süßigkeiten bekommen wird. Ich finde es ist wichtig, solche Dinge anzusprechen, damit beide Eltern an einem Strang ziehen. Als Mutter kann und will ich nicht entscheiden, was mein Kind später mal beruflich macht oder in wen es sich verliebt – aber ich kann über seine Gesundheit mitentscheiden. Erkrankungen wie Adipositas oder Diabetes Typ 2 entstehen durch falsche Ernährung, dieser Verantwortung sollten sich Eltern bewusst sein.

Wie sah es in deiner Kindheit aus?

Da herrschte Süßigkeiten-Überfluss. Und das wollte ich bei meinem Sohn vermeiden. Er hat erst im Alter von anderthalb seine erste Süßigkeit von uns bekommen. Irgendwann kommt man ja nicht mehr drumherum. Zum Beispiel, wenn Geburtstage in der Kita oder in der Familie anstehen.

Und was passierte nach der ersten Süßigkeit?

Nichts besonderes. Ab da haben wir Süßes fest in den Tag eingebaut, so wie andere Lebensmittel auch. Wenn ich meinen Sohn nachmittags von der Kita abgeholt habe, setzen wir uns zu Hause gemeinsam an den Küchentisch und machen eine Süßigkeiten-Pause. Ich trinke einen Kaffee, mein Sohn isst einen Keks – ein gemeinsamer Moment, bei dem wir unseren Tag besprechen. Was meinem Mann und mir wichtig ist: Unser Sohn soll nicht nebenbei naschen, sondern lernen, Süßigkeiten bewusst zu genießen. Achtsames Essen wird Erwachsenen immer gepredigt. Warum soll man es nicht auch schon den Kindern ans Herz legen? Isst mein Sohn einen Keks, frage ich ihn zum Beispiel auch mal: Wie schmeckt der denn genau? Und warum magst du ihn so gerne?

Natalies Sohn darf jeden Tag eine (!) Hand voll Süßigkeiten essen | Foto: user3802032, Freepik

Was bringt das?

Unser Sohn soll eine gesunde Bindung zu Süßigkeiten aufbauen, nicht nur zu Gemüse. Mit dem Wörtern „gesund“ oder „ungesund“ können Kinder nichts anfangen. Stattdessen erkläre ich meinem Sohn den Unterschied zwischen Lebensmitteln, die ihm kurz Power geben – so wie Schokokekse – und denen, die ihn für einen Ausflug zum Spielplatz stärken, das sind dann eher Obst und Gemüse. So lernt er, was ihm guttut und unterscheidet nicht zwischen „gut“ und „böse“.

Habt ihr Regeln, was die Menge an Süßigkeiten angeht?

Ja, unser Sohn darf sich mit mir zusammen jeden Tag an unserer Süßigkeiten-Schublade so viel aussuchen, wie in eine seiner Hände passt. Mit einem großen Keks ist die aktuell dann auch schon voll.

Und das funktioniert?

Ja, weil mein Sohn sich gut an Strukturen festhalten kann. Ich sag mal so: Er ist kein sehr spontanes Kind.

Wäre es für dich auch eine Option gewesen, Süßigkeiten zu Hause ganz auszuklammern, beziehungsweise zu verbieten?

Nein, auf keinen Fall. Süßigkeiten sind allgegenwärtig. Es ist sehr schwer,sie komplett auszuschließen. Und meinem Sohn einen „Stempel“ aufzudrücken, dadurch dass er zum Beispiel beim Kindergeburtstag in der Kita das Kind ist, das den Muffin nicht essen darf – das würde ich nicht wollen.

Gibt’s bei euch auch mal Ärger wegen Süßigkeiten?

Natürlich kommt das vor. Manchmal will er mehr als die eine Hand voll. Ich frage ihn dann, ob er wirklich Hunger hat oder nur Lust auf eine Nascherei. „Ich hab’ einen Bärenhunger“, antwortet er oft. Dann mache ich ihm klar, dass Süßigkeiten alleine keinen Hunger stillen. In diesen Situationen bekommt er von mir einen kombinierten Snackteller mit Gemüse, Obst und einer Nascherei.

Gehen du und dein Mann mit gutem Vorbild voran?

Ja, die tägliche Nasch-Pause gilt auch für uns. Mein Mann legt sie meist abends ein, wenn er von der Arbeit kommt. Und auch er setzt sich an den Tisch, um seine Süßigkeit zu genießen. Unser Sohn kommt oft dazu, weiß aber, dass er seine Ration schon hatte. Um ehrlich zu sein: Manchmal gönnen mein Mann und ich uns schon noch eine Portion Eis, wenn der Kleine schläft.

Fällt es euch in der Weihnachtszeit schwerer, eure Regeln einzuhalten?

Das ist auf jeden Fall eine herausfordernde Phase. Aber in unserem Umfeld wissen alle Bescheid: Oma, Opa, Patentante und so weiter – damit es nicht zum Schokoladen-Overkill kommt. In der älteren Generation gab’s erst ein bisschen Kopfschütteln, weil die es selber anders praktiziert hat. Aber ich betone es immer wieder: Eltern dürfen selbstbewusst für ihre Entscheidung einstehen.

Was machst du, wenn ein Adventskaffee oder ähnliches ansteht? Darf dein Sohn dann zugreifen?

Ja klar. Aber wenn es Feierlichkeiten gibt, versuche ich, den Zuckerkonsum an dem Tag bei uns zu Hause zu reduzieren. Unser Sohn versteht, dass seine Nasch-Pause in dem Fall nicht bei uns stattfindet, sondern zum Beispiel bei Oma und Opa. Die backen auch mit echtem Zucker, nicht wie die Mama mit eingeweichten Datteln. Darauf freut er sich dann schon.

Natalie Kohlhaas hat Familie und enge Freunde informiert, damit ihr Sohn nicht überall Süßigkeiten zugesteckt bekommt | Foto: Freepik

Klappt dein Nasch-Prinzip nur, wenn ich es von Anfang an praktiziere – oder kann ich es auch noch einführen, wenn meine Kinder älter sind?

Das funktioniert auch später, wenn man mit seinem Kind ganz transparent darüber spricht und es in die Umsetzung involviert. Das Kind mit zum Einkaufen nehmen und es entscheiden lassen, welches Obst und Gemüse im Einkaufswagen landet, aber auch welche Süßigkeiten, von denen es sich die tägliche Portion in Größe der eigenen Handfläche aussuchen darf. Vielleicht findet man ja auch gemeinsam gesündere Alternativen wie Nüsse oder eine Sorte Trockenobst, die dem Kind schmeckt. Letzteres hat zwar auch einen hohen Fruchtzuckergehalt, ist aber immerhin ein natürlicheres Lebensmittel als Schokolade.

Warum sind Süßigkeiten überhaupt ein Konfliktpunkt in Familien?

Weil sie häufig als Mittel zur Erziehung verwendet werden, auch noch in meiner Generation. Da heißt es zum Beispiel: „Wenn du dein Gemüse isst, gibt’s danach was Süßes.“ Ich rate davon ab, Süßigkeiten als Belohnung oder Trostpflaster zu nutzen. Essen sollte nie an Leistungen oder Emotionen gebunden sein. Dadurch entwickeln Kinder eine falsche Bindung dazu. Daher lautet mein Rat: Süßigkeiten lieber ganz natürlich in den Tagesablauf integrieren.

Was ist das größte Problem, das Eltern in puncto Süßigkeiten haben?

Sich auf eine vernünftige Menge festzulegen. Vielen fällt es schwer, einzuschätzen, wieviel Zucker in bestimmten Produkten steckt. Die Richtlinie lautet: Kinder zwischen vier und sechs Jahren sollten pro Tag höchstens 30 g Zucker zu sich nehmen. Bis zum jugendlichen Alter gilt, dass zehn Prozent des täglichen Energiebedarfs von Zucker stammen dürfen. Ein Beispiel: Mein Sohn braucht pro Tag ca. 1200 Kalorien, zehn Prozent davon sind 120. Umgerechnet sind das gerade mal vier Schoko-Bons, mehr nicht. Und eigentlich müsste man in die Zuckermenge sämtlichen zugesetzten Zucker mit einrechnen – auch den, der in Marmelade, Fruchtjoghurt oder süßen Getränken steckt.

Aber das ist im Alltag ja schwer zu überschauen, geschweige denn auszurechnen.

Daher versuche ich generell, den Zuckergehalt niedrig zu halten. Wir kaufen unter anderem nur Naturjoghurt. Je süßer die Lebensmittel sind, desto mehr werden Kinder auf diesen Geschmack trainiert. Man sollte sie so oft wie möglich mit natürlichen Aromen konfrontieren, idealerweise ab dem Beikostalter.

Ist geschmacksmäßig irgendwann der Zug abgefahren?

Nein, das nicht. Aber sind die Kinder schon älter, muss man sich als Familie Zeit nehmen, um etwas zu verändern. Und vor allem müssen alle mitmachen! Wird in einer Familie gerne Saft getrunken, kann man den schrittweise immer mehr verdünnen. Und kleine Geschmacksexperimente können gemeinsam Spaß machen. Vielleicht einfach mal alle Familienmitglieder mit verbundenen Augen gekauften Erdbeerjoghurt und selbst gemachten mit pürierten Früchten vergleichen lassen. Sich darauf konzentrieren, wie der riecht und wie die Konsistenz ist. Die Kinder dürfen die süße Variante lieber mögen, aber sie sollten eben auch die andere kennen. Man kann außerdem verschiedene Gemüse- oder Obstsorten zusammen neu entdecken, ruhig mal ablecken, statt gleich reinzubeißen. Spaß mit den Lebensmitteln haben! Das kann eine spannende Sache für die ganze Familie sein.

Natalie Kohlhaas

ist zertifizierte Ernährungsberaterin für Säuglinge, Kleinkinder und Erwachsene. Vom rheinland-pfälzischen Örtchen Züsch bei Trier aus hilft sie Familien bei Themen wie Beikost und Ernährungsumstellung. Tipps, wie einfach man gesund essen kann, so dass es allen schmeckt, gibt sie auch auf Instagram unter @natalies_happy_eating.

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